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Schloss Reichersbeuern

Schloss Reichersbeuern

Hier eine deutsche Sage.

Man schrieb das Jahr 1644, das sechsundzwanzigste des großen Krieges. Schweden hatte der Isarwinkel seit zwölf Jahren keine mehr gesehen. Die befreundete Armee, deutsche und spanische Soldateska, die das Handwerk immer besser lernte und auch lieber mit Stich und Streich, mit Brand und Unzucht zahlte als mit guten Reichstalern, war ihnen nachgezogen. Dann hatten die zwei Pestjahre die Dörfer verödet. Aber langsam fanden die herrenlosen Höfe wieder einen Maier, die Wölfe verendeten unter den Knüppeln der Bauern in den Fanggruben. Die Marktbürger von Tölz gaben hin und wieder durchziehenden Truppen Quartier, schickten ihre Söhne zu den Schanzarbeiten an den Wällen der Hauptstadt, zahlten murrend ihre Kriegssteuern und beklagten das Ausbleiben der dreißig Gulden Pachtgeld für die Krautäcker auf dem Höhenberg, die man im Vorjahre hatte als Weideplatz liegen lassen müssen, weil kein Mensch sie auch nur umsonst bebauen wollte.

Damals war der Hochwohlgeborene Herr Johann Maximilian, Freiherr von Preising auf Altenpreising, Herr auf Hohenaschau und Söllhuben etc. in München Rechnungskommissarius seiner Churfürstlichen Durchlaucht Maximilian, als sich in seinem verwaisten Schloss zu Reichersbeuern seltsame Dinge zutrugen. In der ganzen Hofmark, im Markt zu Tölz und auf und ab im Isarwinkel redeten die Leute kaum mehr vom Krieg. In den Tölzer Bräustuben hatte man erzählt, dass die churbayerischen Truppen es den Franzosen bei Freiburg tüchtig besorgt, und solche, die es wissen mussten, hatten aus München mitgebracht, dass schon im Frühjahr große vierspännige Reisewagen mit starker militärischer Bedeckung aus aller Herren Länder, aus Frankreich und Schweden, aus Wien und Rom und Venedig in Münster und Osnabrück eingefahren seien. Darin saßen lauter vornehme Herren in schwarzen Mänteln, langen, bis auf die weißen Spitzenkragen fallenden Perücken, sauber gedrehten Schnurrbärten und kleinem Zwickel vorm Kinn. Da würde endlich der Friede nicht mehr lange ausbleiben können. Und gleich kam die Rede wieder darauf, wie es im Schloss zu Reichersbeuern nicht mehr mit rechten Dingen zugehe.

Conrad Rueffl, des Herrn Rechnungskommissarius untertänig gehorsamster Diener, hatte schon im September an den Türen des unteren Herrenzimmers das Kräutlein "flagella diaboli", die kräftigen "Teufelsgeißeln", angeheftet, allem bösen Spuk den Zutritt zu wehren; aber der Geist war nicht zur Ruhe gekommen. Der Rueffl gebrauchte deshalb jeden Boten, seinem Herrn in München wissen zu lassen, wie es um sein Schloss stand, sodass dem Herrn Rechnungskommissarius, wenn seine Augen die langen Regiments-, Sold- und Fouragelisten hinauf- und hinabglitten, gar oft erschreckliche Teufelsfratzen aus den kritzlichen, krausen Schriftzeichen stiegen.

Am heiligen Abend langten nun zwei Weibsleute in Begleitung eines Maurers im Schlitten aus der Residenzstadt in Reichersbeuern an und wiesen dem Rueffl einen Befehlsbrief seiner freiherrlichen Gnaden, er habe den Weibern, von denen vorzüglich die Rosina sich auf das Geisterbannen verstehen wolle, allen Vorschub zu tun.

Am Christfest, nach getaner Beichte und empfangener heiliger Kommunion, als der Tag sich neigte und die Uhrzeiger auf sieben rückten, führte der Rueffl die drei fremden Personen ins Schloss. Den Hofbauer Georg Gering, Hansen Reiserer, den gewesten Schlosspfleger, sowie den Amtmann nahm er mit. Alle verrichteten zuerst in der Kapelle ein Gebet. Als sie von da in das untere Herrenzimmer herabstiegen, gab der Geist durch einen Bretterwurf im Hof das erste Zeichen. Auf der Rosina Begehren wurde das Zimmer mit einem Crucifix, mit drei brennenden geweihten Kerzen und Weihbrunn, desgleichen mit anderen brennenden Lichtern und Laternen aufs beste versehen. Nach einer halben Stunde ließ sich der Geist mit Schnaufen und stillem Blasen vernehmen bis gegen Mitternacht. Etliche Male hörte man ihn auch hin und wieder gehen. - Dieweilen die Rosina nicht in der Kapellenkammer, sondern in der Stuben schlafen wollte, löste der Rueffl die flagella diaboli von den Türen, damit die arme Seele unverhindert aus und ein könnte. Alle legten sich in der Stuben, aber die erste Nacht vollendete sich ohne weiteres Getümmel.

Am nächsten Abend um die gleiche Stunde ging man wieder ins Schloss. Während der gewesene Hauspfleger den Hofbauern in seiner Behausung abholte, der Amtmann mit dem anderen Weib im Hofe redete und Rueffl mit der Rosina in die Stube treten wollte, geschahen zwei Würfe an die Kammertür, wie wenn man in den Klöpflesnächten mit Erbsen an die Fenster wirft. Und dann fiel ein kleines Tuffsteinl neben der Tür zur Kapellenkammer zur Erde und in der Stube präsentierte sich der Geist wieder mit etlichem Krachen, aber ohne alles Ungestüm. Vermeinend, dass die Sache vor der dritten Nacht doch nicht zu ihrem Hauptwesen komme, begab sich der Rueffl nach Hause. Aber je länger je stärker meldete sich die arme Seel den Zurückgebliebenen mit Schnaufen, Gehen und Tischklopfen. Nächst gegen zwölf Uhr begann das Weib Rosina mit der Beschwörung. "Ein jeder guter Geist lobt Gott, seinen Herrn". Wohl meldete sich der Geist, aber das Blasen war so stark, dass die Anwesenden sich nicht einig wurden, ob er mit "Ja" oder "Ich auch" geantwortet. Als die Rosina ihn weiter fragte: "Was ist Dein Begehr?" sagte die arme Seele, sie sei die Älterfrau vom Schloß und habe ein einziges Kind gehabt. Sie sei schon so lange verstorben, dass dieserorten schwerlich mehr jemand ihrer gedenken werde. Und sie bat zwei Messen zu München in Unserer Lieben Frauen Gruft, eine heilige Messe in U. L. Frauen Kirche zu Reichersbeuern und die vierte in der Schloßkapelle lesen zu lassen; auch bei jeder Messe ein Maß Wein und ein Kreuzerbrot zu opfern, folgends allen, die es annehmen, in dieser Hofmark um einen Kreuzer Brot zu spenden, dann werde sie erlöst. Den Namen des Geistes erfuhr man nicht, weil die Rosina bei der Beschwörung gar sehr erkrankt und an die anderthalb Stunden siech gelegen. Die ganze Anzeige ging aber auf Frau Sophia von Pienzenau, eine geborene von Closen, so der Frau Papafabin Mutter gewesen, welche zu Reichersbeuern einen ewigen Jahrtag gestiftet, davon die Brief, von Johann Baptist Guidobon nach ihrem Ableben anno 1588 aufgerichtet, noch vorhanden.

Am Morgen des 28ten Dezembris lief eine große Menge Volkes in Reichersbeuern zusammen, sodaß sie in der Schloßkapelle und in der Pfarrkirche, wo der Pater Christian von den Franziskanern in Tölz und der Ortsvikarius heilige Messen lasen, nicht Platz fanden. Nach verrichtetem Gottesdienst hat der Pater das ganze Schloss an allen Enden mit den drei gesegneten Wassern besprengt und dabei den Psalm "Qui habitat in adjutorio Altissimi" gebetet.

Um sieben Uhr zur Nacht gingen der Benefiziat, der Hof- und Widenbauer, auch der geweste Schloßpfleger und Amtmann mit Conrad Rueffl und der Rosina wieder ins Schloss. Als sie dort bis zehn Uhr gebetet hatten, fing es unter ihrem Tisch an zu klopfen, dass es eine Resonanz gab, als wenn Pech tropft, ungefähr eine halbe Stunde lang. Dann zeigte sich der Geist, dass alle vermeinten, sie müssten ihn sehen, und er fing an zu reden. Sie verstanden aber nichts außer den Jahrtag und dass sie an Allerheiligen so sehr geweint habe, dieweilen ihre Tochter nach München gereist und verstorben sei. Jetzt habe sie Ruhe gefunden, doch solle man alle Jahre am Tag ihrer Erlösung im Schloss einen Jahrtag halten und die angefangene Spend austeilen. Auf die Frage der Rosina, ob sie Sophia heiße und allein im Schlosse umgangen sei, gab die arme Seele zur Antwort, sie wäre die Sophia und sei ganz allein umgangen, und wolle Gott für die bitten, so an ihrer Erlösung Beförderung getan. Der Geist kam hinter dem Ofen hervor und fuhr mitten in der Stuben über sich, welches aber die Rosina alleinig gesehen und ihre Augen unverwandt dahingerichtet hat.

Am 29ten Dezembris wurde wieder eine Lobmesse gelesen und das Te deum laudamus gesungen.

Die Rosina und der Maurer waren mit der Verehrung, die ihnen der Conrad Rueffl präsentierte, wohl zufrieden. Das andere Weib wollte bei ihrer freiherrlichen Gnaden untertänig um dero ersprießliche Vorbitt einlangen, damit sie das Schankrecht auf das churfürstliche weiße Bier erhalte. Die drei hatten sonst wohl essen und trinken mögen und sich mit guter Labung versehen lassen, auch alle Nacht neben dem Bier ein Viertel Wein sich ins Schloss geben lassen. Also hat es der Conrad Rueffl seinem gnädigen Herrn am 29. Dezember gehorsamlich und in untertäniger Schuldigkeit berichtlich überschrieben, auch sich ihm zu allergnädigsten Hulden empfohlen.

Hundert Jahre später saß wieder ein Graf von Preising an seinem Schreibtisch, eine intarsierte Truhe vor sich und die Briefe des Conrad Rueffl in Händen. Als er sie gelesen, nahm er nachdenklich seinen Gänsekiel und setzte an das Ende: "Den 26. Dezember anno 1742 mit Verwunderung gelesen".

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